Vier Grundlagen der Aufstellungsarbeit

1. Aufstellungen sind ein im Wortsinn transpersonales Verfahren, Einsichten und Lösungsmöglichkeiten zu gewinnen, die bisher unzugänglich waren. Es schließt den uns vertrauten personalen Bereich (innerseelisches Erleben, familiäre und soziale Beziehungen) ein und geht zugleich weit darüber hinaus: in Aufstellungen werden Zusammenhänge und deren Wirkungen abgebildet, die oft über viele Generationen zurückliegen, die mit dem Schicksal einer Volksgruppe oder einer Nation verbunden sind und mit einem kollektiven Gedächtnis, das uns mit transpersonalen Sinnzusammenhängen verbindet, deren Wahrnehmung erstaunliche Lösungsschritte ermöglichen kann.

2. Zentrales Arbeitsmittel in Aufstellungen ist die „stellvertretende Wahrnehmung“, eine grundlegende menschliche Fähigkeit, die Erfahrungen anderer Menschen im eigenen Inneren nachzuvollziehen und körperlich und gefühlshaft zu „wissen“, ohne zuvor über diese fremden Erfahrungen informiert zu sein. Diese Fähigkeit, Medium für die Erfahrung anderer zu sein, ist altes Menschheitswissen, wurde z.B. in der Psychoanalyse in den Konzepten der Gegenübertragung oder des Spiegelphänomens in Balint-Gruppen formuliert und hat im Vorgehen bei Aufstellungen eine besonders differenzierte Ausarbeitung erfahren. So erweisen sich Aufstellungen als „wissende Felder“, die die naturwissenschaftlichen Feldbegriffe („morphogenetische Felder“, „Vakuumfelder“) durch die Erfahrungen eines geistigen Informationsfeldes mit u.U. hochwirksamen Heilungspotenzen bestätigen und ergänzen.

3. Die Orientierung bei der Lösungssuche im Feld einer Aufstellung folgt Gesetzlichkeiten oder Ordnungen, die in Familien und anderen Systemen wirksam sind und die, wie Naturgesetze, keine moralischen sondern „Kategorien des Faktischen“ sind, deren Verletzung u.U. schweres Leiden und deren Beachtung weitreichende Heilung bewirken kann. Zu diesen Ordnungen gehören z.B.: das Recht aller Mitglieder einer Familie (eines Systems) auf Zugehörigkeit, unabhängig von moralischen Leistungen; die Unveräußerlichkeit des eigenen Schicksals, der eigenen Leiden und der eigenen Schuld – z.B. können Kinder nicht die Lasten ihrer Eltern tragen sondern sie dürfen und müssen ihren Eltern die Würde ihrer Bürde lassen und ihr Leben aufblühen lassen; die Einbeziehung der Ahnen, der toten Angehörigen und der z.B. durch Kriegsschicksal mit der Familie Verbundenen führt zu einer tiefen Beruhigung und Kräftigung der Lebenden.
Die von Bert Hellinger formulierten „Ordnungen der Liebe“ beschreiben den Vorgang, wie die Liebe in einer Familie zur bestimmnenden und tragenden Kraft wird, sobald jenen Systemgesetzen zugestimmt und ihnen ein guter, lebensdienlicher Ausdruck erlaubt wird.

4. Die Rolle des Therapeuten bei Familienaufstellungen
Die Durchführung von Aufstellungen setzt eine hohe therapeutische Qualifikation voraus und in der Regel die gute Kenntnis einer Reihe bewährter psychotherapeutischer Verfahren, die ja nichts anderes als die fachlichen Ahnen und Geschwister der Aufstellungsarbeit sind. Herzstück der therapeutischen Arbeit ist das Einnehmen einer phänomenologischen Haltung i.S. von offener, absichtsloser Wahrnehmung, ähnlich wie die „gleichschwebende Aufmerksamkeit“ (S. Freud) in der Psychoanalyse. Diese Haltung ist entscheidend, damit das zentrale Phänomen des wissenden Feldes wahrnehmbar wird, und das heißt: damit die Art der unbewußten Teilhabe des Aufstellenden an Leben und Schicksal seiner Familienmitglieder im Erleben und in der Wahrnehmung der Stellvertreter in Erscheinung treten kann.

  • Unterweisung in der Technik des Aufstellens
    Für den aufstellenden Klienten: genaues Klären des zentralen Anliegens (Focus) für die Aufstellung. Aufstellen gesammelt, ohne vorgefasstes Bild, ganz gefühlsgeleitet. Für die Stellvertreter: vorurteilsloses, nicht-zensierendes Wahrnehmen von körperlichen, emotionalen und mentalen Phänomenen.
  • Lösungssuche
    Die Lösungssuche entwickelt sich aus der Wechselwirkung von Annahmen und Hypothesen des Therapeuten mit den Feldhinweisen (Wahrnehmungen der Stellvertreter) in mehreren spiraligen Zyklen, „bis alle gewonnen haben“.
    Zu den Hypothesen des Therapeuten gehören vor allem: schwere Schicksale wie früher Tod, früher Verlust, Krieg, Vertreibung erlittene oder selbst zu verantwortende schwere Schuld, Behinderung, schwere Krankheit – all das kann zu leidverursachenden Dynamiken führen wie: Ausschluß von Systemmitgliedern und Vertretung der Ausgeschlossenen durch andere, meist Kinder und Enkel; stellvertretende Übernahme von Schuld; unbewußtes Teilen von Leid: Miterkranken, Nachfolgen in Leiden oder Sterben.
    Von außen betrachtet ist das ein Prozeß mehrfacher Umstellungen der Stellvertreter, des Dazunehmens weiterer Personen und schließlich des Hereinnehmens des Aufstellenden in die Aufstellung, damit er die wichtigen Lösungsschritte selbst vollziehen kann. Das intensive Gefühlserleben und das Aussprechen von Worten und Sätzen, die den Tat-Sachen und den Lösungsmöglichkeiten Ausdruck geben, begleiten und unterstützen Einsichten, die zunächst nicht vorstellbar, überraschend und herausfordernd sein können, die vor allem aber unsere Herzen aufblühen und Mut fassen lässt.
    Dabei sind vor allem die Körpersignale wegweisend – Aufstellungen sind eine Form sehr sorgsamer Körpertherapie.
  • Integration
    Das Übersetzen der Lösungserfahrung in eine Achtsamkeitspraxis im Alltag: sich selbst und die wichtigen Nächsten im Licht der Lösungserfahrung sehen und danach zu handeln beginnen, vor allem in typischen problemauslösenden Situationen, in denen die alten Muster wachgerufen werden.